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Mord ALAAF!1 KLENKESEr hatte ein leichtes Zucken in den wässrig blauen Augen, als er an dem obersten Knopf des Hemdes herumnestelte. Der große, bunte, rechteckig geformte Orden mit den Buchstaben AKV darauf würde auf der nackten Haut des Oberkörpers besser wirken als auf diesem rot-schwarz kariertem Hemd. Die schwammige Haut am Hals, aus der das Blut schon zurückgewichen war, hing in schlaffen Wülsten über dem Kragen und das Licht des Vollmondes, das gerade von einer vorbeigezogenen Wolke freigegeben worden war, ließ dunkle Schatten in den erstarrten Augen tanzen. Es war nicht leicht gewesen, den schlaffen Körper des schweren Mannes hierher in das halb verfallene, ausgebrannte Haus am Brüsseler Ring am Rande des Aachener Waldes zu bringen, aber nun war das Gröbste geschafft. Endlich hatte er auch den Orden an der richtigen Stelle platziert. Auf der fleischigen, weißen Haut konnte man denken, der Orden sei eintätowiert. Er war zufrieden. Das würde noch authentischer wirken. Seine Probleme waren nun gelöst. Er war nun nicht mehr aufgeregt wie am Anfang. Das Töten war die schwerste Arbeit gewesen. Den richtigen Moment abzupassen und sich dann nur auf den Schlag auf den Hinterkopf zu konzentrieren ohne hysterisch oder panisch zu werden und nicht mehr das richtige Maß zu halten. Es hatte geklappt, der Mann war sofort in sich zusammengefallen. Plan nach langem ausgeführt. Nicht immer nur daran gedacht. Geschafft. Nun war er sehr müde. Nochmals ein prüfender Blick auf „das Werk“. Ja, es stimmte alles außer....... „ Klenkes, wo bist Du?“. Dieser Hund, immer auf Achse - oder ab und zu auf verschobener Achse -, Agatha musste immer lachen, wenn sie daran dachte, wie das kleine schwarze, langhaarige Wollknäuel mit der weißen Brust vor cirka einem dreiviertel Jahr den ersten Versuch unternommen hatte, das Bein zu heben und sie spontan an das „geheime“ Erkennungshandzeichen von Aachenern, die sich mit abgespreiztem kleinen Finger außerhalb Aachens als Einheimische zu erkennen geben, gedacht hatte. Damals hatte sie sich spontan entschlossen ihren Hundewelpen in Klenkes umzutaufen, da sie seine eigentümliche Position beim „kleinen Geschäft verrichten“, die er nach den ersten kläglichen Versuchen beibehalten hatte, aus der hinteren, waagrechten Perspektive betrachtet, jedes Mal fatal an das Aachener Handzeichen erinnerte: Das Bein waagrecht nach hinten weg zu strecken und dabei das Gleichgewicht zu halten war schon ein kleiner Balanceakt an sich. Klenkes war ein sehr neugieriger und lebhafter Hund aber auch sehr dickköpfig, wenn er etwas für ihn Interessantes entdeckt hatte, so wie jetzt im Moment mal wieder. Es war 5 Uhr früh und Agatha hatte die ganze Nacht unter Zeitdruck an einer englischen Übersetzung gesessen, die heute nachmittag zur Abgabe fällig war. Sie war todmüde und hatte sich richtig zwingen müssen der Anziehungskraft ihres Betts zu widerstehen und eine „Klenkes-Tour“ – wie sie es nannte wenn er Gassi gehen wollte, zu unternehmen um sich dann noch ein paar Stunden auszuruhen, bevor Sie nochmals letzte Korrekturen am übersetzten Text vornehmen wollte. Im Gegensatz zu ihr war Klenkes jedenfalls äußerst ausgeschlafen und wohl auf einem seiner längeren Erkundungsgänge nach dem Motto: „Ich-entdecke-die-Welt-aus-der-Hundeperspektive“. „Aber doch nicht um 5 Uhr in der Früh wenn ich stehend einschlafen könnte“. Agatha wurde zunehmend ungeduldig und wollte gerade nochmals in schärferem Ton nach ihm rufen als sie ein aufgeregtes Gemisch aus Winseln und Bellen hörte. Das war ihr Hund, aber so hatte Sie ihn noch nie Laut geben hören. Da musste etwas sein. Hatte er sich verletzt? Wo kam das Bellen her? Plötzlich war sie hellwach. „Klenkes, Junge, komm her, schnell“. Ihre Stimme war schrill als sie reflexartig nach ihm rief, während Sie zu orten versuchte, woher das Bellen kam. Mittlerweile hatte die Dämmerung bereits eingesetzt und die Silhouetten der hohen Tannen, die den kleinen Pfad, der von der Straße aus in den Aachener Wald führte, säumten, traten bereits milchig verschwommen aus der Dunkelheit hervor. Erneut dieses hohe Bellen. Nun konnte sie die Richtung ausmachen. Es kam aus der Nähe des ausgebrannten Hauses, das am Anfang des Waldpfades stand. Agatha hatte sich auf einer ihrer vielen „Klenkes-Touren“, die meistens hier vorbeiführten, da ihre Wohnung in der Nähe lag, immer gewundert, warum dieses in einer der besten Gegenden von Aachen gelegene Haus mit dem großen, nun verwilderten Garten niemals wieder aufgebaut worden war. Das Grundstück alleine musste schon sehr viel wert sein. Je näher sie auf das verfallene Haus zurannte desto mulmiger wurde ihr. Hoffentlich hatte sich ihr Hund nicht verletzt. Ja, Klenkes musste im Garten des Hauses sein, obwohl das Grundstück von einem im Gegensatz zu dem verkohlten, gerippeartigen Haus sehr stabilen, neuen, mannshohen Maschendrahtzaun eingezäunt war, was bei Agatha jedes Mal wenn Sie vorbeilief, das komische Bild einer ausgeschlagenen Porzellantasse als einzigen Gegenstand in einem polierten Safe hervorrief. Als sie jedoch näher kam sah sie, dass ein großes Loch in den Zaun geschnitten worden war. „Was war das für ein Geräusch?“. Seine Backenmuskeln zuckten. Er hatte die zur Kennzeichnung seines „Werkes“ erforderliche Ausrüstung, das feinpolierte Skalpell aus Edelstahl und das weiße Geschirrtuch aus Leinen, bereits feinsäuberlich wie ein Chirurg vor sich ausgebreitet. Seinen, großen, schwarzen Siegelring hatte er abgelegt, da er ihn bei der exakten Zeichnung seiner Signatur stören würde. Nun wollte er das kalte Metall des Skalpells in seiner Hand spüren, das die ersten wohligen Schauer durch seinen Körper jagen würde, bevor er mit jedem Buchstaben, den er auf die vor ihm liegende kalkweiße Stirn eingravieren würde, einen kleinen Höhepunkt der Lust und absoluten Befriedigung erleben würde. Fünf Buchstaben A-L-A-A-F, jeder Buchstabe ein Hochgefühl an sich, perfekte Momente der Vollendung und Befreiung seiner dunklen, qualvollen, grausamen Bedürfnisse, die ihn im Lauf der Zeit zunehmend bedrängten und die Herrschaft über sein ganzes Sein und Denken übernahmen, bis er sich endlich nach langer Planung für kurze Momente Erleichterung verschaffen konnte. So wie jetzt. Er wollte nicht gestört werden, nicht jetzt. Da – wieder ein Rascheln – aus dem verwilderten Gartengrundstück. Sein Blick wandte sich um auf das verkohlte Loch in der Mauer zu, das wohl einmal die Terrassentür zum Garten gewesen war und nun notdürftig mit zwei losen, verwitterten Brettern vernagelt war, die mittlerweile fast von Unkraut und Moos bedeckt waren. „Wahrscheinlich nur eine Maus oder ein Hase“. Er war in letzter Zeit oft hier gewesen um sich wie immer akribisch auf diesen Höhepunkt vorzubereiten und war für alle Eventualitäten gerüstet, er hatte sich sogar ein Versteck vorbereitet, falls er überrascht werden sollte. Kein Grund abzubrechen. Fast zärtlich nahm er sein Werkzeug in die Hand. Er musste sich konzentrieren. Der Winkel beim Ansetzen des Skalpells war genauso wichtig wie der richtige Schnitt beim A-Schrägstrich nach oben. Das erste A war gut gelungen, es kam auch kaum noch Blut, so dass er das weiße Geschirrtuch zum sauberen Auswischen der Buchstaben kaum brauchen würde. Das war gut, viel besser als beim letzten Mal. Seine Schläfen pochten und ausgelöst durch seine Euphorie jagten heiße Wirbel durch seinen Körper und setzten sich als rotes Fadengeflecht in seinen Pupillen ab. Nun das L.... Ein Knurren hinter ihm. Das L, gerade im Begriff mit dem Skalpell sauber in der Längslinie nach unten in die Stirn graviert zu werden, bekam einen hässlichen, zackigen Schlenker nach außen, als er herumfuhr. Hinter ihm, etwa 3 Meter entfernt von der Türöffnung, stand ein ungefähr 40 cm hohes, langhaariges, schwarzes Wesen, das in der dunkelgrauen Halbdämmerung wie eine Mischung zwischen Hund und Waschbär aussah. Wutentbrannt schnellte er aus seiner knienden Stellung hoch und zischte: „Hau ab, du Vieh“. Das Vieh jedoch fing aufgeregt zu bellen an und sprang wie ein wilder Kobold um ihn herum. Er musste es zum Schweigen bringen. Mit einer schnellen Bewegung griff er sich einen der abgebröckelten alten Ziegelsteine, die hier überall auf dem Boden lagen und warf ihn nach dem Hund. Ein aufheulendes Winseln folgte. Gut, er musste ihn an der Hinterhand getroffen haben. Jetzt noch den Kopf und das Vieh würde ihn nicht mehr stören. Als Agatha das Loch im Zaun sah, überkam sie ein sehr mulmiges Gefühl. Hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu. Ihre Stimme zitterte als Sie nochmals nach Klenkes rief. Er erstarrte und ließ den schweren Backstein wieder fallen, als er die Stimme einer Frau von draußen rufen hörte. Da war jemand – dieser komische Hund streunte nicht alleine herum. Was sollte er tun? In sein Versteck verschwinden? Die Person und den Hund zum Schweigen bringen? „Ruhe bewahren“. Nicht leicht jetzt. Die wohlige Hitze, die noch vor Minuten in heißen, ekstatischen Wirbeln in seinem Körper getanzt hatte, zersetzte sich in kleine, brennende Wutknäuel, die es ihm schwer machten, kühl mit dieser Situation umzugehen. Aber er musste angemessen reagieren. Agathas Herz pochte laut und hallte als warnende Stimme in ihrer Bauchgegend wider. Die Wipfel der Bäume, die sich leicht im Wind wiegten, schienen die Stimme als Widerhall aufzunehmen und ihr zu zuflüstern: „Weg hier“. Alle ihre Sinne waren auf eine bedrohliche, nicht greifbare Gefahr ausgerichtet. Was sollte sie tun? Sie konnte Klenkes nicht im Stich lassen, das würde sie sich niemals verzeihen. Zusammenreißen. Handeln. Nicht panisch werden, vielleicht war ja gar nichts Schlimmes passiert. Ruhig bleiben, rational denken. Instinktiv nestelte sie in den Taschen ihrer englischen Wachsjacke herum. Sie brauchte etwas, das ihr das Gefühl geben würde, handeln zu können, der Gefahr entgegen zu treten, etwas zum Festhalten und Weitergehen und ihre Angst im Zaum zu halten. Papiertaschentücher, Hundekuchen, Zigaretten, Feuerzeug in der rechten Tasche, ihr Schlüsselbund und die Hundeleine in der linken Tasche. Der Schlüsselbund – das kleine, rote Schweizer Minimesser als Schlüsselanhänger mit den verschiedenen Funktionen -. Sie hatte ihre Finger kaum unter Kontrolle während sie versuchte das Messer aus der Scheide heraus zu ziehen. Tief durchatmen. Endlich bekam Sie es zu packen und klappte es heraus. Besser als nichts. Klenkes bellte immer noch, seine Stimme fast am Überschwappen. „Ich komme, Junge“. Ihre Knöchel treten weiß hervor, so fest hält sie das kleine Messer in der Hand als sie sich bückt, um durch das Loch auf das Grundstück zu gelangen. O nein, sein Bellen kommt nicht aus dem Garten, sondern aus dem Haus. „War er in irgendein Loch gefallen und kam nicht mehr heraus? Hatte er Gift gefressen? Vielleicht hatte er sich etwas gebrochen“. Sie rennt auf das Haus zu und die Stimme der Angst in ihrem Inneren wird übermannt von der Sorge um ihren kleinen Gefährten. Hier – eine Maueröffnung mit zwei halbverwitterten Brettern vernagelt - leicht hindurch zu schlüpfen. Im Halbdunkel sind nur Umrisse und Schatten erkennbar.„Klenkes, wo bist Du?“ Da - ein schwarzer, kleiner Koboldschatten, der winselnd und jauchzend mit seltsam ungelenken Bewegungen auf sie zustürmt und ihr wie wild die Hände ableckt. Ein Stein fällt ihr vom Herzen. „Mein Kleiner, ich bin so froh, dass dir nichts Schlimmes passiert ist. Jetzt gehen wir nach Hause. Was für ein Schreck“. Die Anspannung fällt von ihr ab. Sie richtet sich auf. Mittlerweile haben sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt. Ungefähr eineinhalb Meter von ihr entfernt liegt ein Körper. Wie in Trance von unsichtbaren Fäden gezogen bewegt sie sich darauf zu. Vor ihr liegt ein dicker Mann, ungefähr 50 Jahre alt. Sein Hemd ist halb geöffnet und der bunte Karnevalsorden, der exakt auf der Mitte der Brust der Leiche liegt, steht in einem paradoxen Widerspruch zu den leeren, gebrochenen, weit geöffneten Augen, deren. Pupillen bereits von einem gelblichen Schleier überzogen sind. Oberhalb der Augen, auf der linken Stirnhälfte, ist eine seltsam symmetrische, tiefe Wunde zu sehen, so als ob ein Muster aus der Haut heraus geschnitten wäre. Nein, kein Muster, es sind Buchstaben: Ein A und ein etwas verunglücktes L. Agatha ist wie erstarrt. Ein eiskalter, dunkler, lautloser Schleier legt sich um sie und lässt sie die Unfassbarkeit des Augenblicks wie im Traum erleben. Ihre Kehle ist zugeschnürt und die Stimme einer anderen, rationalen, logisch denkenden, kühl kalkulierenden Agatha, die im Moment wie von außerhalb ihres vor Grauen erstarrten Körpers zu hören ist, flüstert ihr abgehakte Informationen im Telegrammstil zu: „ Der Alaaf-Mörder - Ein Psychopath – Vor drei Monaten erster Mord – Opfer, stadtbekanntes Mitglied eines Aachener Karnevalsvereins, hatte Aachener Karnevalsausruf „Alaaf“ in die Stirn geschnitten – War bundesweit in den Zeitungen - Sonderkommission der Polizei eingesetzt – Keine Hinweise bis jetzt - Serienmörder – Nicht fertig geworden – Von DEINEM Hund und jetzt DIR gestört worden - VERSCHWINDE SOFORT!“ Er sah die Frau durch den Spalt der Falltür, die er als Zugang zu einem Hohlraum unter dem früheren Holzboden aus verkohlten Balken gezimmert hatte, um sein Versteck zu tarnen. Seinen schwarzen Schal hatte er sich so um das Gesicht gewickelt, dass nur noch seine Augen und sein Mund zu sehen waren. „Gute Entscheidung, sich erst mal zurück ziehen, um die Lage zu peilen. Er war ein Genie. Seine Vorausplanung war unübertrefflich. Alle Unwägbarkeiten einbezogen“. Sie war ziemlich groß für eine Frau, soweit er erkennen konnte, aber schmal gebaut. Auch sehr lange Haare, wie ihr blöder Köter. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, da sie mit dem Rücken zu ihm stand. Interessant zu sehen wie fasziniert sie von seinem Werk war. Konnte ihren Blick gar nicht mehr davon abwenden. Der Hund stand neben ihr und schnüffelte doch tatsächlich an seinem Siegelring und seinen anderen „Werkzeugen“ herum. Das war zuviel. Planung hin oder her. Das Maß war voll. Mit einem Ruck ließ er die Falltür nach oben aufklappen und stürzte mit ein, zwei katzenhaften Sprüngen auf die Frau zu, in seiner Hand einen der abgebröckelten, schweren Backsteine. Er hatte Übung im Zerschmettern von Hinterköpfen.
Klenkes reagierte sofort und stürzte wild bellend auf die vermummte, große Gestalt zu. Agathas Erstarrung löste sich in einer ruckartigen Umdrehbewegung auf, als sie die Geräusche hinter ihr hörte und ihren Hund wie einen Irrwisch auf den ganz in Schwarz gekleideten Mann zurennen sah, der sich in der Halbdämmerung fast unwirklich wie ein Geisterschatten auf sie zu bewegte und dabei nach dem Hund kickte, der ihn wie ein Derwisch umkreiste. Sie fing an wie am Spieß zu schreien, vielleicht nur deshalb um ihre Todesangst zu überschreien und ihren Kopf damit für den Kampf um ihr Leben freizumachen. Das Messer. Sie musste im richtigen Augenblick zustechen sonst war sie verloren. Die Hand in die Tasche – Messer fest umgreifen – warten bis er die Hand nach oben bewegt, um den Backstein auf Ihren Kopf niedersausen zu lassen – Zustechen -. Agatha, die kühle Strategin hatte die Herrschaft über Ihr Denken übernommen. Jetzt hatte er sie, - eine schwungvolle, elegante Armbewegung voller Kraft nach unten und ihr Kopf wäre zerschmettert. Plötzlich fühlte er einen brennenden, stechenden Schmerz im Unterarm und gleichzeitig an seinen Genitalien. Ihm wurde schwarz vor Augen.. 2 AGATHA„Schätzchen, ist ja gut, wach auf, Du bist zuhause in Sicherheit. Ich bin da und Klenkes liegt am Fußende und schnarcht vollkommen entspannt“. Gott sei Dank, sie war im Bett, neben ihr lag Oliver und Klenkes lag in seiner typischen Stellung – auf dem Rücken, Hinterbeine seitlich nach außen geklappt – am Fußende des Bettes. „Du hast wieder wie wild um dich geschlagen. Entspann dich“. Oliver legte seine Arme um sie und zog sie ganz nahe an sich. Fast jede Nacht durchlebte sie ihre Horrorbegegnung nochmals, obwohl das Ganze schon mehr als drei Wochen zurücklag. Sie war davongekommen. Ihr kleines Messer, ihr Hund und die kühl denkende Agatha in ihr hatten sie gerettet. Klenkes hatte den Mann tatsächlich in die Genitalien gebissen und sie ihn gleichzeitig mit ihrem kleinen Schweizermesser ein paar Mal in seinen Arm gestochen. Das hatte ihnen genug Zeit verschafft, um zu fliehen. Sie hatte Klenkes gepackt und war nur noch gerannt. Schließlich hatte Sie einfach an einem Wohnhaus geklingelt und von dort aus die Polizei benachrichtigt. Als die Polizei am Tatort eintraf, war der Täter jedoch verschwunden gewesen. Der schwarze Siegelring und das Skalpell waren ebenfalls weg. Sein Opfer war wieder ein bekanntes Mitglied eines Aachener Karnevalvereins gewesen. Sie war tagelang von der Polizei befragt worden, die mittlerweile eine Sonderkommission gebildet hatte. Durch das Blut, das der Mörder verloren hatte, konnte ein genetischer Fingerabdruck genommen werden. Trotzdem war er bis jetzt nicht gefasst worden. Agatha war der ganze Rummel zuviel und trotz des für sie glücklichen Ausgangs hatte sie immer noch ein seltsam ungutes Gefühl, so als wäre die Sache noch nicht zu Ende. Ungefähr 10 Kilometer Luftlinie von Agathas und Olivers Wohnung entfernt, über der Grenze in einem kleinen Dorf in Holland, saß ein Mann an seinem Schreibtisch. Vor ihm lag ein Schnellhefter mit fein säuberlich, nach Sparten aufgeteilten Notizen: Name, Adresse, Beruf, Tagesablauf, Gewohnheiten, Freunde. Seine Zeit würde kommen. Er war ein Planer. Diese Frau würde dafür büßen, ihm Schmerzen zugefügt zu haben und ihn um die Befriedigung seiner dringendsten Bedürfnisse gebracht zu haben. Er war ein Genie. Niemand würde ihn jemals finden. Seine blassblauen Augen blitzten, als er daran dachte, wie er eine speziell für sie entworfene Signatur auf ihre Stirn eingravieren würde. Andrea Roos
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